Gruppenspiele 3 & 4, Deutschland vs Kanada/Kasachstan

Hochgehypt kommt vor dem Fall

Wie schon auf Twitter angekündigt, werden hier im Verlaufe der WM einige mehr oder weniger lange Analysen zu den Leistungen des DEB-Teams in Riga erscheinen. Die Daten sind hauptsächlich von Thibaud Chatel und teilweise von mir erhoben. Gleiches läuft im NL Ice Data Substack zu den Spielen der Schweizer mit Unterstützung von Cédric, mit dessen Hilfe auch 5plusspieldauer.de entstanden ist.

Eigentlich kommt die Niederlage gegen Kasachstan ja fast gelegen. Statt den Miesepeter zu spielen und zu warnen, dass die Siege gegen Norwegen und vor allem gegen Kanada keineswegs überzeugend waren und das DEB-Team nicht auf einmal zu nem Titelanwärter machen, kann ich diesen Artikel etwas lockerer angehen und darauf verweisen, dass es sowas wie ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Das Pech der Kanadier bekam das DEB-Team gegen Kasachstan zurückgezahlt. So folgen zwei eher glückliche Siege aufeinander, im Endeffekt ist Karma ja auch nichts anderes als Regression zur Mitte.

Allgemeines

Räumen wir zunächst mal mit dem wichtigsten auf:

Im Spiel gegen Kanada war nur noch sehr wenig der neuen, moderneren Spielweise des DEB zu sehen. Im Gegenteil, ich würde behaupten, so einen Sieg hätte man auch gut und gerne vor 4-5 Jahren einfahren können. Aus dem Nichts zwei Toren schiessen, sich in Schüsse schmeissen und dank ner guten Torhüterleistung durchhalten steht für mich nicht unbedingt f´ür aggressivere oder selbstbewusste Spielweise.

Leidenschaftlich? Auf jeden Fall. Aber meine Haltung zu geblockten Schüssen folgt eher dieser Logik:

Mit etwas mehr Abschlussglück machen die Kanadier irgendwann den Ausgleich. Wie die DEB-Mannschaft sich dann aus ihrer Schildkrötenhaltung nach 2.5 Dritteln mit gefühlt 0 Offensive löst, hätte ich gerne gesehen.

Wie lässt sich diese defensive Haltung am besten statistisch beschreiben? Naja, durch gutes Forechecking entstehen ja in der Regel zwei Dinge:

  1. Schlechte Breakouts des Gegners

  2. Puckeroberungen in der Offensivzone (ob durch Turnover oder weil man schlicht Laufduelle zu / Zweikämpfe um Pucks gewinnt)

Diese Dinge können wir messen. Die Resultate von schlechten Breakouts sind im Idealfall Turnover oder Fehlpässe/rausgechippte Scheiben im Aufbau des Gegners. Diese führen damit zu Spielsequenzen, die in der Offensivzone (sehr gefährlich) und in der Neutralen Zone beginnen. Tragen wir mal die Anzahl dieser Spielsequenzen pro Spiel auf:

Wobei ich das nicht nur auf das Forechecking der Kanadier schieben würde. Ich hatte auch das Gefühl, dass sich die deutschen Spielers etwas arg zum eigenen Tor zurückzogen. Das hat zwar den Vorteil, dass man viel wegblocken kann, allerdings auch den Nachteil, dass der Gegner es leichter hat, die wegprallenden Scheiben in der Offensivzone zurückzuerobern.

Deutscher Forecheck

Das Spiel gegen die Italiener kann man eigentlich streichen, aber in der oberen Grafik lässt sich klar erkennen, dass das Forechecking, zumindest gegen Nicht-Top-6-Gegner eine Stärke von Toni Söderholms Mannschaft ist. Man drängt den Gegner dazu im Aufbau Fehler zu machen und bringt sich so in vorteilhaftere Situationen1. Gegen Kanada halt nicht. Ironischerweise hat diese zurückhaltende Spielweise auch gegen Set Breakouts keinen Erfolg gehabt (man sollte ja meinen, wenn man passiver spielt und sich häufiger ins eigene NZ Setup zurückzieht, in der NZ zu fünft auf den Gegner lauert, kann man diese Breakouts häufiger unterbrechen), im Gegenteil, die kanadischen Set Breakouts waren deutlich erfolgreicher als diese der Norweger oder Kasachen:

Umgekehrt sieht man den Effekt des kanadischen Forechecks auf die deutschen Breakouts.

Für eine genauere Analyse in das “Warum” der massiven Unterschiede muss an einem ruhigen Tag mal ein paar Stunden Videostudium her.

Achja, und weil ich nach dem letzten Artikel ein paar Fragen bekommen hatte, hier ein kurzes Erklärvideo, das die Unterschiede zwischen Schnellen und Set Breakouts hoffentlich veranschaulicht:

Spieler

Gucken wir mal auf die individuellen Leistungen der Spieler. Zunächst mal die Schuss- und Chancenverhältnisse der Reihen und Verteidigerpaare (sortiert nach Eiszeit):

Bei den Sturmreihen fällt am ehesten noch die Reihe um Kastner ab. Deren Schussverhältnis sieht zwar positiv aus, aber berücksichtigt man die Qualität der Schüsse ist das eher mau. Dominik Kahun könnte hier einen positiven Effekt haben.
Positiv ist definitiv die Berliner Reihe hervorzuheben, wobei es meine Stats dafür nicht gebraucht hat, deren Qualitäten sind auch mit dem blossen Auge leicht genug erkennbar.

Die Zahlen sprechen für mich eine recht eindeutige Sprache, das Pärchen Holzer-Wagner funktioniert so nicht. Vor allem, wenn man weiss, dass Holzer insgesamt in seinen ca 50 5v5 Minuten eine xGF% von 48.3% hat:

Eine alternative Zusammenstellung der Verteidigerpaare dürfte sowohl Wagner als auch Holzer helfen.

Offensiv hat sich nicht viel verändert, Noebels und Bergmann sind bei 5v5 weiterhin offensiv die aktivsten Spieler.

Breakoutexkurs

Vorhin ging es ja zur Genüge um Breakouts, also schauen wir doch mal, wer sich hier besonders hervorhebt:

Eines vorab: Hier geht es um die Erfolgsrate von Breakouts, an denen die Spieler in der Aufbauphase (also bis zur gegnerischen blauen Linie) beteiligt waren. Daher ist es nur logisch, dass Stürmer hier besser abschneiden, denn in vielen Angriffen, die früh scheitern, sind sie gar nicht (direkt) beteiligt, weil der Puck schon vorher verloren geht. Bzw. umgekehrt gedacht: wenn ein Stürmer im Spielaufbau an den Puck kommt, ist es meistens in vorteilhafterer Lage als ein Verteidiger.
Erfolg wird hier definiert als Puckbesitz in der Offensivzone.

Die Zahlen lesen sich eigentlich recht gut. Hier sticht niemand besonders negativ heraus. Moritz Seiders wenig überragende Ergebnisse würde ich nicht unbedingt überbewerten, was die reinen Zone Exits angeht, steht er an und für sich recht gut da:

Als Info: Ich weiss zwar, dass Zone-Exit-Stats mittlerweile weit verbreitet sind und leicht verständlich sind, ich verwende einfach lieber Breakout-Stats, weil diese die auf den Zone Exit folgenden Aktionen miteinbeziehen. So lassen sich interessante Fragen stellen wie beispielsweise:

Wenn Moritz Seider eine sehr hohe Erfolgsquote bei Zone Exits hat, wieso enden die schnellen Breakouts, die er damit vorantreibt dann so selten mit Puckbesitz in der gegnerischen Zone? Liegt das an ihm, an seiner Entscheidungsfindung in der Neutralen Zone oder an schlechten Entscheidungen seiner Mitspieler?

Bonusbilder

Der Vollständigkeit halber noch die Grafiken zum Spiel gegen Kasachstan:

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Generell: Sequenzen, die mit einer Puckeroberung in der Offensivzone beginnen, sind ca. 3 Mal so gefährlich wie Breakoutsequenzen, Sequenzen, die mit einer Puckeroberung in der NZ beginnen sind ungefährlich 1.5 Mal so gefährlich wie Breakouts. Ein guter Forecheck zahlt sich also aus.